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essais agités. Edition zu Fragen der Zeit

Die Reihe essais agités. Edition zu Fragen der Zeit pflegt den kritischen Essay. Sie führt aktuelle Diskurse, spürt verborgene Themen auf und setzt überraschende Ideen in die Welt. Sie ist offen für ein bewegliches Nachdenken über Fragen der Zeit.
Zugrunde liegt ihr eine eigens entwickelte Schreibsoftware, die Texte mit einem automatisierten Verfahren in Buchform bringt. Diese Software ermöglicht es, die Texte schnell, variabel und in unterschiedlichen Formaten zu veröffentlichen und sie in der Schweiz zu drucken. Die Bände erscheinen in zwei Serien als Taschenbuch im Verlag Der Gesunde Menschenversand sowie als Chapbook on demand.

Die Reihe wird selbstständig betreut von einer Redaktion, die aus Stefanie Leuenberger, Johanna Lier, Martin Zingg und Beat Mazenauer besteht.
www.essaisagités.ch

Literatur Littérature

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Unser virtuelles Journal enthält Texte, die – oft noch unfertig – zu Diskussionen anregen möchten und Reaktionen hervorrufen. Literarische Texte sind ebenso erwünscht wie das Fabulieren ins Offene. Das Journal will weiter dokumentieren, wie Texte, Geschichten entstehen, welche Gedanken einer Idee folgen, wie Autorinnen und Autoren ein einzelnes Thema fokussieren und von verschiedenen Seiten beleuchten und wie Autorinnen und Autoren schreibend aufeinander Bezug nehmen.

Aktuelles Journal:

Die Autorin Annette Hug eröffnet mit Beiträgen zu trobadora.montage. Texte zu Irmtraud Morgner, erschienen in der Reihe essais agités, unser Journal. «Für Beatriz ist Schreiben ein experimenteller Vorgang», schreibt Irmtraud Morgner im Roman Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura. Er ist 1974 erschienen, 2018 hat er das Experiment trobadora.montage inspiriert. Sechs Autorinnen haben den Roman diskutiert und sich die Frage gestellt, wie viel von der geistreichen Realität Irmtraud Morgners heute noch – oder heute wieder – produktiv und anregend ist. Der Feminismus erlebt schliesslich ein Comeback. Oder setzen Autorinnen und Autoren heute ganz anders an? Aus den Diskussionen sind Ideen für eigene Texte entstanden. Das Ergebnis liegt nun in einer Sammlung in der Reihe essais agités vor. In den kommenden Wochen kann in diesem virtuellen Journal der Entstehungsprozess verfolgt werden.

Gottlieben, 2. Mai 2019, Annette Hug

Trobairitz – eine Heldin?

Der Titel des Projekts war schnell klar: «Trobadora» steht im Titel des Romans, um den es geht. Weil die Figuren selbst viel über Literatur nachdenken, nennen sie das Buch, in dem sie vorkommen, einen «operativen Montageroman». Ich war der Meinung, dass er viel enthält, was irgendwie weitergehen könnte. Deshalb heisst das Projekt «trobadora.montage».

Geschenk einer Leserin: Taschenbuchausgabe im Luchterhand-Verlag mit eingelegtem Zeitungsartikel.

Auf dem Weg zu einer Lesung in Gottlieben waren Johanna Lier und ich mit dem fahrbaren Requisitenkasten und Stehpult unterwegs. Ein kleines Mädchen las die Beschriftung und fragte: «Was ist eine Trobadora?» Johanna erzählte von Frauen, die im Mittelalter Lieder vorsangen. Ich glaube, sie sagte auch, dass diese Frauen Männer besangen, die sie besonders schön fanden. Auf der Heimfahrt, kurz vor Mitternacht, wollten dann mehrere Männer wissen, was eine Trobadora sei. Sie fragten auf Englisch, Spanisch oder Deutsch. Auch das Publikum in Gottlieben war gesprächig. Wir diskutierten zum Beispiel über den Epos und die Frage, ob Heldinnen und Helden, die ihre Gesellschaft verbessern wollen, in der Literatur überhaupt noch denkbar sind.

Johanna Lier, auf dem Weg an die Lesung im Literaturhaus Gottlieben, am 2. Mai 2019.

Drei Frauen hatten ihre Morgner-Ausgaben zur Lesung mitgebracht. Da war eine Erstausgabe im Aufbau-Verlag, 1974, und zwei Ausgaben aus dem Luchterhand-Verlag. Ich verstand nicht recht, weshalb mir eine der Frauen ihr Exemplar unbedingt schenken wollte. War sie überzeugt, dass sie das Buch nie mehr anschauen würde, wollte es aber irgendwo aufgehoben wissen? Jedenfalls nahm ich das Buch dankend an und fand darin einen Zeitungsartikel: «Weibliche Troubadoure». Es ist die Besprechung einer Ausstellung aus dem Jahr 1983 im Landesmuseum Hannover. Der Artikel enthielt Hinweise, die ich verfolgen wollte, und so wurde mir deutlich, wie viel seit dem ersten Erscheinen von Irmtraud Morgners Roman geforscht worden ist. Zum Beispiel haben Forscherinnen der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg die Webseite «Spielfrauen des Mittelalters» erarbeitet. Da findet sich auch die historische Gestalt Beatriz de Dia, die hinter der Titelfigur von Morgners «Leben und Abenteuer der Trobadora Beatriz nach Zeugnissen ihrer Spielfrau Laura» steht. Zu meiner Überraschung lernte ich auch, dass der Beruf der Minnesängerin auf Deutsch eigentlich Trobairitz heisst.

Mai und Juni 2019, Annette Hug

Kein Kanon? Die Kanon? Unser Kanon?

«Je verwirrender die Welt scheint, um so stärker wird dem Menschen die Sehnsucht nach einer Ordnung. Nach einer Einordnung. Nach anderen Menschen, die ihm Ideen, Anregung und Halt geben. Die ihm Leuchtturm sein können, in der immer wiederkehrenden, scheinbar schrecklichsten aller Zeiten», schreibt Sibylle Berg im Vorwort der Seite diekanon.org. Immer neue Listen und Register berühmter Männer haben uns nicht gerettet, stellt sie fest. Es müssen neue Listen her. Mit weiteren Autorinnen arbeitet sie an einem Kanon wichtiger Frauen in Literatur, Kunst, Musik und Wissenschaft.

«Der literarische Kanon. Ein Abgesang», hiess dagegen eine Aktion von Autorinnen am Frauenstreik vom 14. Juni 2019. Das Stehpult des Trobadora-Projekts, das auch eine rollende Kiste ist, spielte bei dieser Aktion eine Nebenrolle. Wir trugen eine Bestenliste aus der Zeitung «Le Monde» vor: die Männernamen im Kanon, die Frauennamen im Gleichklang. «Marguerite Duras» und «Nathalie Sarraute» ragten aus einem kakophonischen Meer von Männernamen auf. Um nicht in diesem Meer zu versinken, lasen wir danach kurze Passagen von Lieblingsautorinnen vor. Da wir kaum geprobt hatten und spontan ein Schluss für den Kanon gefunden werden musste, tauchte plötzlich ein Slogan der Klimademos auf, leicht abgewandelt: «Wem sin Kanon? Oise Kanon!»

Das passte aber nicht zum Titel, also skandierten wir: «Wem sin Kanon? Kein Kanon!»

«Oise Kanon» hätte gut zur Webseite diekanon.org gepasst. Die Gruppe, die sich an einem Stammtisch der Autorinnengruppe RAUF getroffen hatte, um die Aktion am Frauenstreik vorzubereiten, war aber folgender Meinung: Es ist weder realistisch noch wünschbar, dass sich die literarische Öffentlichkeit auf einen Korpus der relevantesten Werke einigt. Die wenigsten von uns sind nur in einer Sprache zu Hause. Wir lesen in mehreren Sprachen und können in keiner einzigen den vollen Überblick behalten. Mit empfindlichen Lücken ist immer zu rechnen. Ausserdem wackelt die klare Abgrenzung von U- und E-Literatur zu Recht. In der realen Welt der Bücher müssen wir uns immer wieder neu darüber verständigen, was relevant ist, was anregt, weiterführt oder produktiv irritiert. Fixe Listen geben eine Ordnung vor, die kaum mehr relevant ist.

Aktion «Der literarische Kanon. Ein Abgesang» am Frauenstreik vom 14. Juni 2019, Stadelhoferplatz Zürich.

An der Vorbereitungssitzung der Buchhändlerinnen der Gewerkschaft syndicom, die gemeinsam mit den Autorinnen am Frauenstreik protestierten – und bei Orell Füssli eine Protestpause einlegten –, wurde aber deutlich, dass durchaus Ordnungen existieren und zwar ganz materiell: Regale mit unterschiedlichen Beschriftungen. «Klassiker», «Unterhaltung», «Beststeller». Vielleicht sogar «Frauenliteratur». Die Buchhändlerinnen, die am Frauenstreik protestierten, würden gern anders einordnen als vorgegeben. Wenn es nach ihnen ginge, würden in den Regalen mehr Titel von Autorinnen stehen. In den Regalen und Auslagen der Buchhandlungen verwandelt sich die Sehnsucht nach Leuchttürmen, von der Sibylle Berg schreibt, in eine harte ökonomische Ordnung.

An die Verwirrung, der diese Sehnsucht entspringt, erinnerten dieses Jahr die Jurydiskussionen des Bachmannpreises. In Klagenfurt wurde deutlich, dass bei zentralen Fragen der Literaturkritik gemeinsame Begriffe und Referenzen fehlen. Zum Beispiel wenn es darum geht, zu benennen, was gute Literatur in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus kann oder soll. Als die Jury darüber sprach, konnte ich mich selbst bei einer inneren Kehrtwende beobachten. Hatte ich in der Vorbereitung des Frauenstreiks noch die Position «Kein Kanon!» unterstützt, wollte ich nun ausrufen: «Hinter Ilse Aichinger, Ruth Klüger und Paul Celan kann man doch nicht zurückgehen!»

Wohin diese Gedanken führen, ist mir noch nicht klar. Geht es darum, die Machtfrage offen zu stellen und zu sagen, dass «wir» – wer immer wir genau sind – den Kanon neu festlegen wollen? Sibylle Berg scheint dafür zu plädieren, wenn sie «die Kanon» wie folgt beschreibt: «Neue Namen mit Ideen und der Kompetenz, die vielleicht etwas zu einem freundlicheren Miteinander in der Welt beitragen können.» Oder gewinnt die Literatur – und die Freundlichkeit –, wenn sich die Listen generell verflüssigen und Autoritäten wackeln? War vielleicht der musikalische Zugang der beste? Der Kanon ist ein Genre unter vielen und es wird immer viele davon geben: Längere, kürzere, schönere, traurige, dumme und kluge. Schon wollte ich schreiben: Und jede singt dann ihren Lieblingskanon. Aber mindestens vier Stimmen müssen sich schon finden, sonst wird das nichts.

Stiftung Fondation

Das Ziel von alit – Verein Literaturstiftung besteht darin, eine Literaturstiftung Schweiz zu gründen, die – losgelöst vom Verein – einzelne Projekte rund um das literarische Schaffen trägt und prägt.